Die Welt der Tiere, das ist unsere Welt

Gert Haucke

 

 

Die Erde, unsere einzige Zuflucht (denn eine andere Wohnstatt hatten wir nicht und werden wir nie haben), die Erde, der Planet der Menschen, Tiere und Pflanzen, sie liegt in Agonie.
Eine täglich neu geschändete Natur stemmt sich in täglich neuer Verzweiflung gegen die Dummheit, Verantwortungslosigkeit und Bosheit einer viel zu großen Anzahl unserer Art. - Wir, die Menschen, vergeuden die Reichtümer dieser Welt, die eben nicht unermesslich sind, statt sie zu nutzen. Wir schlagen wie die Tobsüchtigen auf alles ein, was um uns lebt, und damit auf uns selbst. Wir vergiften die Luft, auf die wir angewiesen sind, denn etwas anderes als Sauerstoff haben wir nicht zum Atmen. Und den produzieren die Pflanzen, die wir wiederum in großem Maßstab vernichten, denn wir haben die Mittel dazu, oh ja. Wir vergiften die Erde, die uns ernähren soll und muß, denn etwas Anderes als die Erde haben wir nicht, um darauf wachsen zu lassen. Und wir vergiften die riesigen, aber doch endlichen Wasservorräte unseres Planeten, wohl wissend, daß es ohne Wasser keine anderen Getränke gibt und daß der Mensch trinken muß, um zu leben.

Den Stand der Unschuld haben wir bei diesem irrsinnigen Tun schon vor einigen hundert Jahren verlassen. Wir wissen genau, was wir tun. Jedenfalls der kleinere Teil der Menschheit, der die Macht und die Dummheit hat, und die Kraft und die Gemeinheit, diese Zerstörung immer weiter zu treiben, und das aber wahrhaftig nicht bis in alle Ewigkeit, sondern nur noch eine kurze Strecke bis zur Endstation.

Wir leben ja nur noch durch Zufall. Man braucht nur an die zahlreichen Kernkraftruinen und Halbruinen zu denken, die hartnäckig weiter betrieben werden, obwohl sie auch stillgelegt Monumente des stillen Todes bleiben, gegen den kein Kraut gewachsen ist. Hier hat das wuchernde Großhirn des Menschen etwas geschaffen, an dem eine Kleinigkeit fehlt, die es an allen übrigen Erfindungen seiner Hybris letztlich doch gegeben hat: Den Hebel zum Abstellen, den Knopf, der das Ganze zur Ruhe bringt. Der Zauberlehrling ist einen Schritt zu weit gegangen, und der "große Meister" kommt nicht zur Hilfe, denn es sind seine Kräfte, die wir mißbrauchen.

Es gibt zwei Naturgesetze, deren Mißachtung das Aussterben der betreffenden Art zur Folge hat: Da ist einmal die genetische Kontrolle und Steuerung der Aggression gegen die eigene Art. Und die Fähigkeit, aus eigener Kraft mit Unter- oder Überpopulation fertig zu werden, also die Anzahl der Artgenossen im Gleichgewicht zu halten mit ihrer Umwelt im weitesten Sinn. Und auch dazu sind die Menschen ganz offensichtlich nicht in der Lage, obwohl sie genau wissen, was da auf sie zukommt.

An dieser Untergangsmaschinerie war kein Tier beteiligt und keine Pflanze. Im Gegenteil: Unermüdlich stemmt sich alles, was lebt, gegen die allein durch die Menschen verursachten Verwüstungen, versucht unter den widrigsten Umständen zu überleben und damit seinen Schlächtern und Todesschwadronen das Überleben zu ermöglichen. Täglich sterben hunderte von Arten der Fauna und Flora endgültig aus, und, wie einer der Weisen und Ohnmächtigen unter uns es einmal gesagt hat: "Wenn der letzte Baum dahin ist, das letzte Blatt gestorben, werden die Menschen feststellen, daß man Geld nicht essen kann."

Ich frage mich und ich frage Sie und alle, die die Suppe auslöffeln sollen, die uns eine kleine Anzahl Wahnsinniger tagtäglich neu einbrockt: Woher nimmt der Mensch das Bewußtsein, etwas Besonderes, etwas Großartiges zu sein, eine Lichtgestalt, der alles Lebendige zur Verfügung zu stehen hat? Die Vernunft, meine Damen und Herren, befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite. Bei den Tieren, die durch ihre Existenz versuchen, uns am Leben zu lassen. Uns, die wir sie zu Millionen unter den grauenhaftesten Bedingungen skrupellos ver- und mißbrauchen.

Es gilt endlich zu begreifen: "Die Welt der Tiere", das ist unsere Welt. Tiere sind das Unterpfand fürs Überleben. Wir sind für Tiere eine entsetzliche Bedrohung und ebenso für diesen Planeten. Aber ohne die - entgegen unseren Bemühungen - immer noch riesige Artenvielfalt ist ein Überleben des Menschen vollständig ausgeschlossen. Umgekehrt aber wäre eine Welt ohne Menschen für die Tiere die Lösung aller Probleme.

Es gilt endlich zu begreifen: Wir haben kein Recht darauf Tiere zu mißhandeln, sie unter unsere Stiefel zu treten. Wir müssen sie mit Hochachtung und Respekt behandeln, denn jede Art von ihnen weiß mehr als der angeblich so weise homo sapiens: Jedem Tier ist ein Verhalten eingegeben, daß das Überleben der Art garantiert. Und die höher entwickelten Arten zeigen - freilebend - eine Vernunft und soziale Verantwortung dem Artgenossen gegenüber, die bleiche Betroffenheit beim Menschen verursachen sollten. Wir müssen endlich begreifen, daß wir entweder mit unseren Geschöpfen zusammen überleben oder gar nicht.

Wir haben keine Veranlassung, wahrhaftig nicht, stolz darauf zu sein, daß wir Menschen sind. Stolz dürfen wir sein, wenn es uns gelänge, eine Entwicklung zu stoppen, die uns dem Untergang entgegen treibt. Stolz könnten wir sein, wenn wir unseren Hochmut ablegen und den uns Anvertrauten eine Zukunft bereiten könnten, in die sie uns - vielleicht - miteinschließen würden.


Gert Haucke Schauspieler, Autor, Hobbykynologe
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