Die Notwendigkeit einer die vorgeburtliche Lebensphase integrierenden Pädagogik:

Die Aufgaben der Pädagogik

von Birgit Mayer-Lewis

Ein richtiger und verantwortbarer Umgang mit den Kenntnissen über die vorgeburtliche Lebenszeit ist wichtig. Verantwortbarer Umgang kann aber nur entstehen, wenn sich die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen gemeinsam mit dem Thema auseinandersetzen.
Die Aufgabe der Pädagogik¹ möchte ich deshalb im folgenden grob-skizziert und allgemein darstellen.

  1. Zum einen besteht die Aufgabe der Pädagogik im Nachdenken über die Erziehung. Die Reflexion zu der Frage nach der Erziehbarkeit des Menschen, der Rechtfertigung der Erziehungsbedürftigkeit des Menschen und der Begründung erzieherischer Intervention sind die Basis einer Erziehungsphilosophie. Die Aufgabe der Pädagogik liegt hierbei darin begründet, daß der Mensch als Mensch auf den anderen Menschen, den Mit-Menschen angewiesen ist, d.h. die Existenz des Menschen nur innerhalb von Beziehungen gedacht werden kann.
    Martin Buber beschreibt dies so:
    "Im Anfang ist die Beziehung: als Kategorie des Wesens, als Bereitschaft, fassende Form, Seelenmodel; das Apriori der Beziehung: das eingeborene Du." (Buber 1997, S.31)
    Damit beschreibt Buber, daß die Du-Beziehung und die Du-Beziehungsfähigkeit im Menschen bereits angelegt ist, unabhängig von der Erfahrung der Außenwelt. Entfalten kann sich das eingeborene Du aber nur in der Beziehung zum Du.
    "Ich werde am Du; ich werdend spreche ich Du." (Buber 1997, S.15)
    In dieser Beziehungsangewiesenheit des Menschen liegt die Aufgabe der Pädagogik begründet. Diese Angewiesenheit bedeutet negativ formuliert auch Abhängigkeit, was gleichzeitig auch immer eine Gefährdung oder mögliche Einschränkung der Selbstverwirklichung des Ichs bedeuten kann und deshalb einer reflektierten Realisierung von Gegenseitigkeit bedarf.
    Auf die vorgeburtliche Lebensphase bezogen ist hierbei festzustellen:
    Die vorgeburtliche Lebensphase beschreibt die erste ökologische Situation des Menschen: Und sie ist die erste ökologische Situation des Menschen.
    Die Angewiesenheit auf den Mitmenschen ist hierbei offensichtlich. Die Existenz des Menschen kann nur innerhalb von Beziehung gedacht werden. Entfalten kann sich das Ungeborene von Anfang an nur durch die Annahme des Mitmenschen, sowohl auf physischer wie psychischer Eben:

die Annahme der befruchteten Eizelle durch den Organismus der Mutter als auch durch die bewußte Entscheidung der Mutter für die Annahme der Schwangerschaft;

die Haltung der Umgebung:
èzum einen sind die Entwicklungsmöglichkeiten des Ungeborenen abhängig vom Verhalten der Mutter (z.B. gesunde Ernährung oder Drogenmißbrauch, seelische Ausgeglichenheit und Optimismus oder dauerhafter Streß und Pessimismus),

èzum anderen vom Verhalten der gesellschaftlichen Umgebung: kulturelle und politische Normen und Werte wie z.B. juristische Regelungen zur Abtreibung oder das Embryonenschutzgesetz, die Stellung schwangerer Frauen und Kinder in der Gesellschaft sowie allgemeine Werte und Normen der Gesellschaft wirken direkt und indirekt (positive, ambivalente oder negative Haltung der Mutter gegenüber ihrer Schwangerschaft) auf den Entwicklungsraum des Ungeborenen.
Im Nachdenken über pädagogisches Handeln in Bezug auf das vorgeburtliche Leben muß deshalb das Ungeborene innerhalb des gesamten Beziehungsumfeldes im Mittelpunkt stehen.

  1. Die Aufgabe der Pädagogik besteht also auch im Nachdenken über das Handeln in einer bestimmten Erziehungspraxis. Die Reflexion erzieherischen Handelns in ihrer aktuellen Praxis und Anleitung ist die Basis einer Erziehungswissenschaft.
    Das pädagogische Handeln darf dabei aber kein statisches, fixiertes System darstellen, sondern ist zu verstehen als offenes, dialogisches Angebot, als anbietendes, handreichendes Handeln.
    "Pädagogisches Tun ist so immer Hilfe zur Selbstverwirklichung, ist ein Angebot; es ist nie ein vorauszuberechnendes, in den Ergebnissen festliegendes Tun" (Bock 1978, S.7).
    Dabei darf erzieherisches Handeln nicht allein von Seiten des Erziehers betrachtet werden, sondern muß immer als ein Zwischen von Erzieher und zu Erziehenden betrachtet werden. Erzieherisches Handeln ist nur dann sinnvoll, wenn es auf die Bereitschaft und Offenheit des zu Erziehenden trifft. "Erziehung findet also zwischen beiden statt, zwischen Erzieher und Educandus, und ist nur zwischenmenschlich zu verwirklichen" (ebd. S.7).

    Die zwischenmenschliche Beziehung beginnt ebenso wie die gesamte Entwicklung des Kindes bei der Empfängnis. Die Entwicklung des Kindes von der Empfängnis bis zum Tode ist eine Entwicklung von Bindungen (vgl. Krens 2002, S.9).
    Von der Zeugung an befindet sich das ungeborene Kind in wechselseitigen Beziehungssystemen. Die Gebärmutter ist die erste räumliche Umgebung, die Mutter die erste persönliche Begegnung und die Gesellschaft die erste kulturelle Erfahrung.
    Diese Strukturen wirken als Beziehungssysteme, gestalten und beeinflussen sich gegenseitig und ermöglichen die Entwicklung von Bindungen.
    Die Aufgabe der Pädagogik im Zusammenhang mit der vorgeburtlichen Lebensphase des Menschen liegt dabei in der Unterstützung bei der Gestaltung von Beziehungssystemen, die eine, die Bedürfnisse des Ungeborenen ansprechende, bestmögliche Entwicklungsumgebung herstellt.
    Pädagogische Intervention muß hierbei im Sinne von "vermittelndem Eingreifen" verstanden werden:
    Um vermittelndes pädagogisches Handeln hinsichtlich der vorgeburtlichen Lebensphase des Menschen zu realisieren, ist ein Konzept erforderlich, welches die Bewußtseinsförderung einer allen gemeinsamen (gesamtgesellschaftlichen) Verantwortung gegenüber dem ungeborenen Kind und seinen Beziehungs- und Entwicklungsmöglichkeiten zum Ziel hat.
    Um eingreifendes pädagogisches Handeln zu realisieren, muß das pädagogische Konzept sich an seinen präventiven Handlungsmöglichkeiten orientieren. Zielgruppe pädagogischer Intervention dürfen somit nicht allein werdende Eltern (wie z.B. in Elternschulen, Geburtsvorbereitungskursen, Schwangerschaftsberatung) sein, sondern müssen alle Frauen und Männer, sowie insbesondere auch alle werdenden Frauen und Männer, also Kinder und Jugendliche, sein. Das Ziel pädagogischer Intervention ist dabei die Verbesserung der menschlichen Lebensqualität durch umfassende Aufklärung über die Bedeutung und den Einfluß der vorgeburtlichen Beziehungssysteme.

  2. Zuletzt besteht die Aufgabe der Pädagogik im Nachdenken über die Verschränkung der beschriebenen Bereiche mit der Bestimmung eines möglichen Abschlusses bzw. möglicher Vollendung von Erziehung. Ziel der Pädagogik muß also sein, das Individuum durch die Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten (mhd. vertegen wurde im Sinne von "reisefertig machen" gebraucht²) ein sich in seiner umgebenden Welt zurechtzufinden zu ermöglichen, d.h. dem Individuum Hilfestellung beim Suchen und Finden eines eigenen (im Sinne von in ihm gewachsenen) Welt- und Menschenbildes, mit dem er/sie leben will und kann, zu geben. Dies bedeutet für die Pädagogik auch, gesellschafts- und kulturspezifische Zusammenhänge als Teil dieses Prozesses anzuerkennen und gleichzeitig in ihrer Hinführung, und handelnd innerhalb dieses Gesellschaftsrahmen, Raum für eine selbstverantwortete kritische Bezugnahme des Individuums zu belassen.

Konkret bedeutet dies: Zum einen soll also das Individuum durch die ihm zur Verfügung stehende Information und das ihm vermittelte Wissen als Erwachsener befähigt worden sein, sich bewußt mit allen Konsequenzen für oder gegen eine Elternschaft zu entscheiden. Zum anderen sollen durch eine allgemein gesellschaftliche Aufklärung die Stellung des Ungeborenen und die damit zusammenhängenden Beziehungssysteme sich so zu verändern vermögen, daß dem Ungeborenen eine bestmögliche Entwicklungsumgebung zur Verfügung steht.
Die Umsetzung dieser Aufgaben kann die Pädagogik aber nur innerhalb der Zusammenarbeit mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen (insbesondere der Psychologie, Philosophie, Soziologie und Medizin) leisten.

Zusammenfassung:
Pädagogik als praktisches Handeln ist immer ein Geschehen zwischen Personen, also ein Beziehungs-Geschehen. "Sie fußt auf der Bildsamkeit des Menschen und seiner Verwiesenheit auf ein Du. Dieses Tun ist immer sinn- und wertbestimmt und in eine konkrete gesellschaftliche Umwelt eingebunden. Pädagogik als Wissenschaft ist die kritische Erhellung dieses Vorgangs" (Bock 1978, S.8).
Eine Pädagogik, die Bezug nimmt auf die vorgeburtliche Lebensphase des Menschen, erkennt den Menschen von Anbeginn seiner Entwicklung als Mensch an, d.h. sie betrachtet die Entwicklung des Menschen nicht als eine Entwicklung zum Menschen hin, sondern sie ist sich der Entwicklung des Menschen als Mensch bewußt. Diese Sichtweise muß als Basis allen pädagogischen Handelns anerkannt werden.
Dies bedeutet die Bindung an ein Menschenbild, welches nicht selbstverständlich ist. Betrachtet man die Diskussionen zur Embryonenforschung läßt sich leicht erkennen, daß eben dieses Menschenbild (der Mensch als Mensch von Anfang an) stark umstritten ist.
Erkennt man es aber als Basis allen pädagogischen Tuns an, so treten automatisch die Beziehungssysteme des Menschen von der Zeugung an ins Zentrum der Betrachtung.
Liegt hierbei zwar der vorgeburtliche Mensch als Gegenüber der Pädagogik im Verborgenen, so kann er dennoch bei der Erschaffung von qualitativen Lebensraum-schaffenden Beziehungssystemen im Mittelpunkt der Betrachtung stehen.
Die Aufgaben der Pädagogik liegen in ihren präventiven Handlungsmöglichkeiten und müssen immer zum Ziel haben, dem Menschen von Anbeginn seines Seins (denn er wird nicht, sondern ist) den Raum, den er für seine eigene, individuelle Entwicklung benötigt, zu belassen.
Erkenntnisse, die aus dem pränatalen, perinatalen und postnatalen Lebensbereich des Menschen gewonnen wurden, müssen in ihrer Bedeutung für die Pädagogik immer wieder hinterfragt werden.

Für eine solche Hinterfragung müssen dabei immer mindestens folgende Faktoren berücksichtigt werden:

Biologisch-physiologische Faktoren der Entwicklung
(Besonders hinsichtlich beeinflussender Faktoren und der Beziehung des Ganzen zu seinen Teilen) Medizin, Biologie, Anatomie, Physik, Chemie

Psychologische Faktoren
(besonders hinsichtlich der Mutter-Kind-Bindung und der Zonen der nächsten Entwicklung (Vygotskij) ) Psychologie, Pädologie

Gesellschafts-politisches Umfeld
(besonders hinsichtlich der Stellung der Frau als werdende Mutter, Bedeutung familiärer Strukturen, Rolle des Vaters, gesellschafts-politische Einstellungen) Soziologie, Anthropologie

Ethische Werte
(besonders hinsichtlich des Menschenbild vom ungeborenen Kind) Philosophie, Historismus

 

Was bereits Comenius forderte ...

Neu ist die Forderung nach aktiver Pädagogik in Bezug auf die vorgeburtliche Lebensphase des Menschen nicht. Bereits Johann Amos Comenius (1592-1670) wies im 17. Jahrhundert in seiner "Pampaedia" und seinem "Informatorium der Mutterschul" auf die Bedeutung der vorgeburtlichen Lebensphase für die Entwicklung des Kindes hin und hatte sie fest in seine Erziehungs- und Bildungsvorstellungen integriert.

Comenius stellt in der Pampaedia (Allerziehung) seine zentrale Forderung an die Pädagogik mit der bekannten Formel "Omnes, omnia, omnino" (alle, alles, allumfassend - Allen sei das Ganze allumfassend zu lehren) dar, und beschreibt zur Konkretisierung der pädagogischen Aufgabe acht aufeinander folgende Schulen durch die verschiedenen Lebensalter des Menschen bis zur Schule des Todes. Er beginnt dabei in seiner Darstellung mit der schola geniturae, der Schule des vorgeburtlichen Werdens. Hiermit beschreibt er eine "nützliche Belehrung der Eltern über die erste vorsorgliche Wartung des Menschengeschlechts [schon] im Mutterleib" (Comenius in Schaller 2001, S.155).

In seinem Informatorium der Mutterschul berät Comenius Eltern von dem Sorgetragen für die Leibesfrucht bis hin zum Einschulungsalter. Comenius will darauf aufmerksam machen, "daß die »Mutterschule« eine ernsthafte und bedeutsame Funktion im gesamten Bildungs- und Erziehungsprozeß zu erfüllen hat und sich ihr Auftrag nicht in Pflege, Bewahrung oder Beschäftigung erschöpft" (Hofmann 1985, S.9)

Die vorgeburtliche Pflege des Ungeborenen betrachtet Comenius als die wichtigste Grundlage für die Entwicklung des Kindes: "Gut geboren zu werden, gut zu leben, gut zu sterben: das sind die drei Angelpunkte menschlicher Wohlfahrt <benedictio humana>. Fest sind sie miteinander verbunden, vom ersten hängt der zweite, vom zweiten der dritte ab. Deshalb muß vor allem das Erstgenannte berücksichtigt werden" (Comenius in Schaller 2001, S.156).

Comenius geht in seiner Sorge um das Ungeborene auch über den Zeitpunkt der Zeugung hinaus. Er beschreibt in den ersten beiden der drei Klassen zur Schule des vorgeburtlichen Werdens vor allem die Notwendigkeit einer noch vor der Zeugung des Kindes vernünftigen und ehrenhaften Lebensführung der zukünftigen Eltern. Erst in der dritten Klasse geht es dann um die Sorge für die empfangene "Frucht". Hierbei ist besonders interessant, daß schon Comenius auf den Einfluß des Verhaltens und der Gefühle der Mutter auf das Ungeborene hinweist: "Denn alles, was die Mutter tut und leidet, wird dem Körper und der Seele des Kindes eingeprägt (...)" (ebd. S.159). (Comenius hat sehr feinfühlig hier bereits auf die Wahrnehmungsfähigkeiten des Ungeborenen hingewiesen, auch wenn nicht übersehen werden darf, daß er diese Erkenntnis fälschlicherweise aus Merkmalen wie dem Muttermal - z.B. als Prägung einer Schreckerfahrung - abgeleitet hat.)

Die Tatsache, daß bereits Comenius im 17. Jahrhundert die Vorgeburtlichkeit des Menschen ausführlich in seine pädagogischen Arbeiten miteinbezogen hat, wirft die Frage auf, warum dennoch das ungeborene Kind, seine Bedürfnisse und Fähigkeiten und alles was die vorgeburtliche Lebensphase betrifft, solange von Seiten der Wissenschaften vernachlässigt wurde.
Bisher ist diese Frage noch nicht wirklich geklärt. Zum einen lag es sicherlich daran, daß das Ungeborene über Jahrhunderte dem wissenschaftlichen Zugriff durch seine Verborgenheit im Mutterleib unzugänglich war und erst im 20. Jahrhundert durch die Möglichkeiten technischer Verfahren wie insbesondere dem Ultraschall den Wissenschaften zugänglich gemacht wurde.
Es gibt aber auch die Annahme, daß die Bedürfnisse des ungeborenen Kindes deshalb solange nur oberflächlich im Interesse standen (entweder über die Vorstellung der Pränatalzeit als einer Zeit der paradisieschen Vollkommenheit oder aber im anderen Extrem über die Vorstellung des ungeborenen Kindes als ein wahrnehmungs- und empfindungsloses Wesen), da die Vorstellung eines empfindenden, wahrnehmenden und sich-erinnernden vorgeburtlichen Menschen beim Erwachsenen Angst vor der Wiedererweckung schmerzhafter Gefühle von vielleicht Zurückweisung, Isolation oder Getrenntheit auslöst (vgl. Lüpke 1997, S.274).

Bisher ist mir in Deutschland nur ein aktueller Ansatz bekannt, der konkret die Thematisierung der vorgeburtlichen Lebensphase in den Aufgabenbereich der Pädagogik einfordert.
Lore Böcker fordert in ihrem Konzept zum Modellprojekt "Die Emanzipation des Kindes - Das Kontinuum-Konzept" konkret die Einbindung der Thematik in unser schulisches Bildungssystem. Sie fordert, daß die Information über die vorgeburtliche Entwicklung im Zusammenhang mit ihrer Bedeutung für die gesamte Entwicklung des Menschen Teil der Allgemeinbildung werden muß. " (...) es ist erforderlich, unsere Chancen durch die erforschten Erkenntnisse endlich praktisch zu nutzen, d.h., hier, sie im Rahmen einer Allgemeinbildung frühzeitig zu vermitteln" (Böcker 1997, S.387).
Für die Umsetzung dieser Forderung ist eine Einbindung der Thematik in das schulische Curriculum (aller Schularten) notwendig.

Es geht dabei nicht darum, wie z.B. in Diskussionen um die Einführung eines sogenannten Elternführerscheins immer wieder angesprochen wird, Eltern anhand von Wissens- und Handlungskonzepten nahezu perfekt und unfehlbar zu machen (was sowieso im utopischen Bereich liegt), sondern es geht darum werdenden Eltern, und das sind nun mal eben nicht nur bereits "schwangere" Frauen und ihre Partner, sondern vor allem die zukünftigen Erwachsenen, also die heutigen Kinder und Jugendlichen, durch die Vermittlung von Kenntnissen über die Bedeutung der vorgeburtlichen Lebenszeit, die Möglichkeit und Chance zu geben, zuallererst verantwortlich Eltern zu werden und erst dann auch Elternsein verantwortlich zu gestalten; dies wiederum bedeutet für die zukünftige Generation der Kinder bestmögliche Entwicklungschancen zu haben.
Das Ziel der Pädagogik kann nicht sein anhand statischer Konzepte, durch ein Aufpfropfen von Wissen, Anleitung dazu zu geben, wie man eine »gute« Mutter oder ein »guter« Vater ist. Sondern Ziel muß sein, den Raum zu schaffen, Bedürfnisse des Kindes von der Zeugung an kennen- und verstehen lernen zu können und dies von einem Zeitpunkt an, der dem kennenlernenden Individuum genug Zeit und Raum zur Selbstfindung in diesem Thema beläßt, so daß es durch die Beschäftigung mit der Thematik bewußt eine eigene Stellung beziehen kann, diese zur Verinnerlichung anregt und in seiner Beziehung zu anderen Menschen, und später vielleicht auch zu seinen eigenen Kindern, praktische Bedeutung erhält.

Hierbei ist der/die pädagogisch Tätige immer auch selbst gefordert. Die Kenntnisse, welche wir heute über die vorgeburtliche Lebenszeit des Menschen haben, geben Grund genug, auch über unsere eigene vorgeburtliche Lebenszeit nachzudenken.
Unsere eigenen Verhaltensweisen und Beziehungsstrukturen, die wir heute fest in unser Leben eingebunden haben, sind alle mit uns gewachsen. Und sicherlich einige davon bereits in unserer vorgeburtlichen Lebenszeit. Selbstreflexion ist hierzu das Schlagwort, und dies ist sicherlich einer der wichtigsten Grundsteine für gelingende pädagogische Beziehungen in Gegenwart und Zukunft.


Auszug aus dem gleichnamigen Workshop bei den 3. Görlitzer Heilpädagogischen Tagen vom 29. bis 31. Mai in Görlitz.
Zur Autorin:
Dipl. Heilpäd. (FH) Birgit Mayer-Lewis arbeitet zur Zeit an einer Dissertation zum Thema "Die Notwendigkeit einer die vorgeburtliche Lebensphase integrierenden Pädagogik".
Kontakt: Fam.Mayer-Lewis@gmx.de

Literatur:
Bock, I. (1978). Kommunikation und Erziehung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft

Böcker, L. (1997). Modellprojekt "Emanzipation des Kindes - das Kontinuum-Konzept". In: Int. J. Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine (Vol. 9) No.3, S.376-390.

Buber, M. (1997). Das dialogische Prinzip. Gerlingen: Lambert Schneider im Bleicher Verlag

Hofmann, F. (1985). J.A. Komenský - den Müttern. Vorwort in: J.A. Komenský (1987).
Informatorium der Mutterschul. (S.5-24) Leipzig: Reclam

Komenský, J.A. (1987). Informatorium der Mutterschul. Leipzig: Reclam

Krens, I. (2002). Freiheit durch Bindung - Zum Wesen der tiefenpsychologischen Körpertherapie. (Band 1). Hamburg: Gesellschaft für Tiefenpsychologische Körpertherapie

Lüpke, H. von (1997). Das Leben beginnt mit Kommunikation - zur Kontinuität menschlicher Entwicklung. In: Wege zum Menschen 49 (5), 1997, S.272-281.

Schaller, K. (2001) (Hrsg.). Johann Amos Comenius: Pampaedia - Allerziehung. Sankt Augustin: Academia Verlag


  1. Der allgemeine Teil der Beschreibung ist dabei stark angelehnt an die Beschreibung des Aufgabenfeldes der Pädagogik in der "Enzyklopädie der Sonderpädagogik, der Heilpädagogik und ihrer Nachbargebiete" sowie an Ausführungen in Bock (1978) "Kommunikation und Erziehung".       Zurück

  2. Vgl. Duden Band 7 - Etymologie (1989). Mannheim, Wien, Zürich: Dudenverlag                        Zurück
 
INHALTSVERZEICHNIS