Vorwort von Rainer Taëni

zum Buch von Jean Liedloff
"Auf der Suche nach dem verlorenen Glück.
Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit".


Es gibt Bücher, denen man den Explosivstoff, den sie enthalten, auch nach einigem Durchblättern und Überfliegen nicht ansieht. Liedloffs "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück" gibt sich, oberflächlich betrachtet, wie ein Buch über indianische Lebensweise, oder vielleicht auch wie einer der üblichen praktischen Ratgeber zum Thema Kinderaufzucht, der Eltern berät, wie sie bei ihren Kindern dieses oder jenes verbessern oder verhindern können. Es ist jedoch weit mehr als das - wie viel mehr, wird erst dem aufmerksamen Leser, vielleicht gar erst beim zweiten Durchlesen, vollständig deutlich.

Ich selbst habe mich jahrelang mit der Erforschung des Phänomens der latenten Angst befasst, seit ich eines Tages erkannte, wie so gut wie jeder von uns sein Lebtag eine Bürde von versteckter, ihm selbst zumeist unbewusster Angst, die mit körperlicher Verklemmung und mangelndem Selbstvertrauen gekoppelt ist, mit sich herumschleppt. Und je mehr ich dem nachforschte, umso deutlicher wurde mir, dass in der Tat auch unsere gesellschaftliche Strukturen auf zerstörerische Weise von diesem Phänomen mitgeprägt sind. Die beunruhigende Frage, die sich in diesem Zusammenhang aufdrängt, ist, ob angesichts dieser Tatsache noch Hoffnung für die Menschheit bestehen kann - und worin.

Dieses Buch liefert Hoffnung. Es zeigt zunächst den Grund der latenten Angst überzeugend auf, indem es die These vertritt, dass das Wesen des Menschen selbst von uns - auch von den Autoritäten der Wissenschaft - nicht mehr verstanden und daher auch in der Säuglings- und Kinderaufzucht nicht ausreichend berücksichtigt wird. Sein eigentliches Thema ist das menschliche "Kontinuum" - und was ein Leben im Einklang damit bedeuten müsste. Gemeint ist mit dem Begriff die uns angeborene, kontinuierliche Folge von triebenergetisch motivierten Erwartungen, die erfüllt sein müssen , ehe der Organismus sich unbeeinträchtigt auf seine nächste (evolutionär festgelegte) Entwicklungsstufe begeben kann. Werden sie es nicht - und dies beginnt mit dem ersten Atemzug des Neugeborenen - , so ist das schließliche Ergebnis ein Leben in Unzufriedenheit, Vertrauensmangel, Liebesunfähigkeit und verdrängter Angst: die fatale Art von Verklemmung, an der wir "Zivilisierten" durchweg leiden.

Um konkreter zu werden: Es gibt kein Tier, das nicht "wüsste" (unfehlbar und ohne Zweifel), was es braucht für sein Wohlbehagen und seine Gesundheit, was ihm bekömmlich ist - vor allem, wie es seine Jungen behandeln muss, damit diese sich optimal entwickeln. Der Mensch in der Zivilisation jedoch weiß es nicht - er hat es vergessen.

Kleinkinder allerdings tragen dieses unfehlbare Wissen über die eigenen Bedürfnisse noch in sich. Und schreien es, da die Umstände dem generell nicht entsprechen, heraus in tiefer Seelenqual - zu einem Zeitpunkt, da sie noch nicht einmal sprechen, geschweige denn logisch denken können. Nur selten wird der Ausdruck dieser Qual als solcher von Eltern oder anderen Pflegepersonen verstanden und beachtet. Schmerz, Angst, extreme Verstörung und Verunsicherung insbesondere hinsichtlich dessen, was richtig ist, sind auch dann die Folge, wenn sich keine besonders offenkundigen "neurotischen" Symptome einstellen. Denn die früheste Erfahrung war: alles ist falsch. Also wird auch das eigene Verhalten falsch. Im günstigsten Fall ist das Resultat ein fanatisches Sich-Klammern an äußere Autoritäten. Im schlimmsten: Kriminalität, Sucht, Psychosen, Selbstmord - all das, worunter wir als Einzelne wie als Gesellschaft immer deutlicher leiden. Hier, in der Vernachlässigung der Erwartungen des Kontinuums zum frühesten Zeitpunkt, liegt die Ursache für unser Unglück.

Das wahrhaft Revolutionäre an Liedloffs Buch besteht darin, dass es diese Zusammenhänge am Beispiel einer Gesellschaft, die tatsächlich noch anders ist, verdeutlicht; und damit, wie gesagt Hoffnung liefert - auch für uns - , dass alles wieder anders werden könnte, weil die Fähigkeit zum Sich-Wohlfühlen im Hier und Jetzt unwiderlegbar in Reichweite des Menschen liegt, so wie er geboren wurde.

Nicht dass wir, um diesen Zustand wiederzuerlangen, nun selbst leben müssten wie südamerikanische Indianer. Das Leben der Yequana gilt in diesem Buch nur als Beispiel. Wesentlich ist, dass wir endlich beginnen, uns neue Gedanken zu machen über die Beschaffenheit des Menschen. Tun wir es in dem Sinne, wie Jean Liedloff es uns nahelegt: unser Leben kann, ja muss sich von Grund auf verändern - besonders, was unsere Einstellung zu den Kindern betrifft, die ja die verkörperte Hoffnung der Menschen sind. In diesem Sinne hat "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück" uns sehr Wesentliches zu sagen - Dinge, die selbst der Schulwissenschaft bisher nicht bekannt sind. Es ist Zeit, dass sie gesagt werden - und dass wir alle dementsprechend zu handeln beginnen, auf dass die Herrschaft der Angst in der Welt endlich eingedämmt werde.


Rainer Taëni


Fötus 31. Woche
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